StandPUNKT! 3: Der Steinerne Tisch

Stadtsbusch und Jagdtradition

StandPUNKT! 3

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Stadtsbusch und Jagdtradition

Herzlich willkommen im Barloer Busch – einem Mischwald mit beeindruckendem Baumbestand! Das Naherholungsgebiet erfreut sich großer Beliebtheit. Frühere Dorstener Bürgermeister hatten das Privileg, den Wald als Jagdrevier zu nutzen. Der „Ur-Feldmärker“ Heinrich (Heini) Siepenkötter (1921–2019), von Bürgermeister Schürholz seinerzeit zum Jagdaufseher dieses Reviers ernannt, kümmerte sich jahrzehntelang um die Hege und Pflege des Wildbestandes. Genießen Sie die Natur und entdecken Sie die Geschichte des Steinernen Tisches!



Aufgetischt

Der „Steinerne Tisch“ im Barloer Busch ähnelte einem Mühlstein, soll aber aus drei verschiedenen, ca. 12 bis 15 cm dicken Sandsteinplatten bestanden haben, die auf gemauerten Stützen in Tischhöhe aufgebracht waren. Die Steinplatte wand sich um eine Linde, die mit den Jahren eine beachtliche Höhe erreichte. Die Bezeichnung „Steinerner Tisch“ scheint sich bereits im Kaiserreich eingebürgert zu haben, weil der Name 1907 in der „Dorstener Volkszeitung“ genannt wird.


Er war zu allen Zeiten eine willkommene Rastätte für Wanderer, ein beliebter Treffpunkt für Jung und Alt, ein Ziel vieler Schulausflüge, ein Ausgangspunkt für vielfältige Unternehmungen im Wald und ein lauschiges Plätzchen für Verliebte.



Dunkle Geschichte

Weder Zeitpunkt und Anlass seiner Errichtung noch sein Erbauer konnten in Erfahrung gebracht werden. Franz-Josef Küper aus dem Krüskamp erinnert sich, dass sein Vater Heinrich (1908–1990) als gelernter Zimmermann und sein Bruder Heinz (geb. 1940) im August 1967 ein schützendes Dach über dem „Steinernen Tisch“ errichtet haben. 2009 wurde der „Steinerne Tisch“ von Unbekannten zerstört. Die Stadtteilkonferenz „Bürger Runde Feldmark“ initiierte 2019 eine Neuerrichtung aus Mitteln des Heimatscheck-Förder-Programms des Landes NRW. 2020 wurde der neue „Steinerne Tisch“ aus Betonformteilen fertiggestellt, 2022 erhielt die Schutzhütte neue Sitzbänke.



Vom Bürgermeisterprivileg zur Treibjagd

Für den Pächter des Jagdreviers Stadtsbusch war die Treibjagd im Dezember von den 1950er bis in die 1970er Jahre der Höhepunkt des Jahres. Dazu waren Jäger aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens eingeladen, die beeindruckende Strecken von durchschnittlich 250 Stück Wild erlegten. Gejagt wurde Niederwild wie Hasen, Fasane und Rehwild. Die Jagd blieb in dieser Zeit den Männern vorbehalten.


Ausklang nach dem erfolgreichen Jagdtag mit einem Prössterchen und einem dreifachen „Horrido“.



An der Linde

Das um 1940 entstandene Bild zeigt Heinrich Bergling (1929–1984) und seine Schwester Hildegard (1932–2013).

Eröffnungsrede

An der Linde – von Dirk Bergling (Jg. 1974)

Das Bild zeigt meinen Onkel, Heinrich Bergling (1929–1984) und meine Tante Hildegard Bergling, später verheiratete Schenk (1932–2013). Heinrich, genannt Heinz, war wohnhaft in Dorsten auf der Hardt, während meine Tante nach ihrer Hochzeit in Duisburg gelebt hat. Meine Großeltern, Heinrich (senior) und Katharina Bergling waren von 1928 bis 1971 Pächter der Bahnhofswirtschaft in Dorsten, die Familie lebte daher in der Wohnung im Obergeschoss des Bahnhofsgebäudes. Nebenbei war mein Großvater Jäger und hatte sein Jagdrevier im Bereich Marler Heide/Barloer Busch, was auch die Verbindung zum Foto erklärt. Er war nach dem Zweiten Weltkrieg der erste Jäger im Kreis Recklinghausen, der von der britischen Verwaltung seine Jagdlizenz zurückerhielt. Das Foto dürfte etwa 1940 mit einer Voitgländer Bessa 66 aufgenommen worden sein. Diese Kamera funktioniert heute noch und wird gelegentlich von mir benutzt.



Der Steinerne Tisch schult schlaue Schüler – von Herbert Rentmeister (Jg. 1960, Grundschulleiter a.D.)

Geschichte lässt sich im frühen Kindesalter fast ausschließlich durch Geschichten erfahrbar machen. Dann trifft in der Geschichte Realität auf Phantasie. Wenn man dazu noch die Möglichkeit hat, einen realen Geschichtsort zu besuchen, wird die Erfahrungsspanne breiter. Daher bin ich gerne mit meinen Schulklassen in den Barloer Busch gegangen und immer wieder war der Steinerne Tisch ein Haltepunkt. Gerne haben wir ihn bei Exkursionen zum Thema Wald als Picknick- und Spielplatz genutzt. Der Platz bietet ebenso einen willkommenen Anlass dazu, die Ritterzeit lebendig zu machen.


Der Hof Barlo war ein befestigtes Gut, umgeben von einer ringförmigen Gräfte. Dieser Graben ist heute noch erkennbar und begehbar. Das haben wir auch gemacht: Wir sind den Graben abgelaufen und haben dabei einen Bindfaden abgerollt. So konnten wir die Länge des Grabens messen. Leider habe ich die reale Länge vergessen, ich weiß nur noch, dass wir alle über das hohe Ergebnis erstaunt waren.


Der steinerne Tisch gibt den Kindern den Anreiz, sich die burgförmigen Gebäude in der Phantasie vorzustellen. Ob an diesem Tisch wohl eine ritterliche Tafelrunde stattgefunden hat? Waren die Ritter von Barlo tugendsam oder vielleicht doch Raubritter? Hier kann jedes Kind seiner Phantasie freien Lauf lassen und den realen Ort mit eigenen Mutmaßungen in Beziehung setzen. Der Tisch selbst stammt nicht aus der Ritterzeit, aber wichtig ist: Durch die Anschauung wird Phantasie wach. Das schafft eine emotionale Nähe zu diesem Ort. Das schafft Beziehung und hält Erinnerungen wach. Solch einen Ort möchte man schützen und erhalten. Gut, dass es diesen verwunschenen Ort im Barloer Busch gibt!



Stadtsbusch und Steinerner Tisch – von Wilhelm Schürholz

Der Barloer Busch – ein Mischwald mit altem Baumbestand – befindet sich im Besitz der Stadt Dorsten, weshalb er bei vielen Dorstenern auch als „Stadtsbusch“ bekannt ist. Er zählt seit langem zu den beliebten innenstadtnahen Naherholungsgebieten. Frühere Dorstener Bürgermeister, die ihr Amt ehrenamtlich ausübten, erhielten das Privileg, den Wald als Jagdrevier nutzen oder auch nach ihrer Amtszeit pachten zu können. Bis Anfang der 70er Jahre nutzte dieses Privileg Paul Schürholz (1893–1972), danach sein Nachfolger im Amt Hans Lampen (1923–2005). Untrennbar von der Entwicklung des Jagdreviers war das Feldmärker Urgestein Heinrich Siepenkötter (1921–2019), dessen Hof am Rande des Reviers liegt. Als Jagdaufseher war er für Hege und Pflege des Wildbesatzes verantwortlich – ein Amt, das „Heini“ mit höchster Passion und Leidenschaft bis ins hohe Alter ausübte.


Das Revier hatte noch bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts eine Größe von über 100 ha (heute ca. 85 ha). Gejagt wurde auf Niederwild (z.B. Hasen, Fasane, Rehwild). Einmal im Jahr – meist im Dezember – wurde eine große Treibjagd abgehalten. Daran nahmen üblicherweise teil ca. 20 Schützen – zumeist Dorstener Bürger aus Wirtschaft, Landwirtschaft, Politik und Verwaltung – und ca. 30 Treiber, hauptsächlich Angehörige aus den im Revier befindlichen landwirtschaftlichen Betrieben. Bei über den Jagdtag verteilten 5–6 Treiben konnten in den 50er und bis in die frühen 70er Jahre hinein sogenannte Strecken von zumeist 250 Stück Wild erlegt werden.


Das änderte sich durch die Entwicklung des Gewerbegebietes nördlich der Marler Straße und durch die Wohnbebauung im Stadtsfeld. Dies reduzierte die jagdbare Fläche und verringerte den Wildbesatz, da das Wild durch Störung (Verkehr, Spaziergänger, Hunde) in die benachbarten Reviere gedrängt wurde.


Nach der Jagd traf man sich bei einbrechender Dunkelheit am Steinernen Tisch zum sogenannten Schüsseltreiben: Zwei, drei wärmende Lagerfeuer waren bereits entzündet und empfingen Jäger, Treiber und Hunde. Sie erhellten den steinernen Tisch und die ihn umsäumenden Baumreihen mit flackerndem Licht. Das erlegte Wild wurde geordnet und gezählt („Streckelegen“), Hundegebell erklang, die Jagdhornbläser ließen ihre traditionellen Signale ertönen, der Jagdkönig wurde ernannt – und gemeinsam sang man das ein oder andere Jagdlied, aus großen Kesseln wurde eine kräftige Erbsensuppe gereicht, gesellige Gespräche wurden über den Steinernen Tisch hinweg geführt – und schließlich ließ die Jagdgesellschaft nach gestilltem Hunger und Durst und nach ein oder zwei aufwärmenden „Klaren“ mit einem dreifachen „Horrido“ einen erfolgreichen Jagdtag ausklingen.



Die Sage vom versunkenen Schloss

In alten Zeiten stand am Barloer Holz ein schönes, großes Schloss, nach Osten durch einen Hochwald gedeckt. Der Schlossherr lebte auf seinem Sitze frei und unbeschränkt wie ein König in seinem Reiche. Er war ein leidenschaftlicher Jäger, der im ganzen Untervest bekannt war. Eines Sonntags hatte er eine große Jagdgesellschaft geladen. Auf den Feldwegen eilten Bäuerinnen und Bauern der Stadt zu. Im Schlosshof aber standen die Pferde gesattelt; die Vorbereitung der Jagd war beendet. Jagdhörner erschallten, und donnernd ging’s über die Schlossbrücke in den nahen Forst, dem Weidwerk zu obliegen.


Es sollte aber die letzte Jagd unseres Schlossherrn und seiner Freunde sein. Als mit sinkender Sonne die Jagd beendet war und die Jagdgesellschaft mit reicher Beute in den Schlosshof reitet, fährt ein Blitzstrahl hernieder, dumpf rollte der Donner, die Erde schwankt und der stolze Herrensitz sinkt in die Tiefe. Gurgelnd schließt sich das Wasser darüber zusammen. Bald verbreitet sich die schreckliche Kunde: Schloss Barlo ist mit Mann und Maus von der Erde verschlungen! Mutige und Neugierige, die hineilen, finden an der Stätte, wo das Schloss gestanden, einen Sumpf.


Aus: Dirk Sondermann (Hrsg.): Lippesagen. Von der Mündung bis zur Quelle, Bottrop: Verlag Henselowsky Buschmann, 2013, S. 76.

Daten & Fakten

Adresse: Barloer Busch, Dorsten